Zwischen Postkartenidylle und Wellblechhütten: Ein Besuch im DRC
Swakopmund ist bekannt für seine deutsche Kolonialarchitektur, die kühle Meeresbrise und die entspannte Atmosphäre an der Mole. Doch nur wenige Kilometer landeinwärts, hinter den Dünen, beginnt eine andere Welt: das DRC (Democratic Resettlement Community).
Ursprünglich als Übergangslösung gedacht, ist das DRC heute ein riesiges Viertel aus Wellblechhütten, in dem Tausende Menschen ohne fließendes Wasser oder festen Stromanschluss leben. Heute habe ich meine Komfortzone verlassen und diese Welt durch die Augen eines Freundes gesehen.
Eine Einladung ins „Ghetto“
Jeden Tag auf meinem Weg zur Mole treffe ich Kambongi. Er ist Makalani-Verkäufer – er schnitzt kunstvolle Muster und Namen in die harten Nüsse der Makalani-Palme. Über die Zeit haben wir uns angefreundet, und heute folgte ich seiner Einladung: „Komm mal mit zu mir nach Hause“, sagte er, „ich wohne im Ghetto.“
Ich holte ihn an seinem Stand ab und wir fuhren gemeinsam ins DRC. Während der Fahrt erzählte er mir seine Geschichte. Seit 20 Jahren lebt er nun schon dort.
Der tägliche Kampf ums Überleben
Kambongis Alltag ist geprägt von harter Arbeit und logistischen Herausforderungen:
- Der Arbeitsweg: Jeden Morgen läuft er die 4 Kilometer vom DRC in die Stadt.
- Die Kosten: Ein Taxi kostet 26 N$ (Namibia-Dollar). Das ist für ihn ein Luxus, den er sich nur selten leisten kann.
- Das Zuhause: Er lebt allein in einer einfachen Hütte.
Trotz der Armut überraschte mich seine Einschätzung der Lage: „Es ist sicher hier“, erklärte er mir. „Es gibt keine Kriminalität, weil jeder jeden kennt. Wir passen aufeinander auf.“
Das Geschäft am Straßenrand
Auf dem Rückweg wurde es plötzlich spannend. Wir hatten das DRC eigentlich schon verlassen, als Kambongis Telefon klingelte. Er bat mich, umzukehren. Ich hielt den Wagen dort an, wo er es mir deutete.
Ein junger Mann trat ans Fenster. Der Ton war rau: „Erst das Geld“, sagte er zu Kambongi, grüßte mich aber höflich. Kambongi reichte ihm die 200 Dollar, die ich ihm kurz zuvor für vier Makalanis bezahlt hatte. Im Austausch erhielt er zwei kleine Tütchen – offensichtlich Marihuana.
Überleben in der Grauzone
Kambongi war entwaffnend ehrlich. Er verkauft das Zeug in der Stadt weiter und macht dabei etwa 100 Dollar Gewinn.
„Es gibt Tage, da verkaufe ich keine einzige Makalani-Nuss.“
In diesem Moment wurde mir die Härte seines Lebens erst richtig bewusst. Es ist leicht, aus der Distanz über Moral zu urteilen, aber wenn der Magen leer ist, werden die Grenzen fließend. Er tut, was er tun muss, um zu überleben.
Mein Fazit
Der Ausflug ins DRC war für mich unglaublich lehrreich. Es hat mir gezeigt, wie nah Schönheit und bittere Armut beieinanderliegen können. Kambongi mag nach materiellen Maßstäben bettelarm sein, aber er ist ein guter Kerl mit einem harten Schicksal, der mich mit Stolz und Gastfreundschaft in seine Welt gelassen hat.


Comments
4 Kommentare
Hallo Andre, ich bin begeistert wie du es alles machst. Ich hätte es mir nicht alleine getraut die Einladung anzunehmen. Es wird deutlich wie schwer und hart die Menschen dort leben und kämpfen müssen zum überleben.
Danke für deine tollen Berichte.
Gruß Jörg
Danke für dein Interesse, Cousin und viele Grüße aus Swakop!
Genau solche Geschichten holen einen aus der eigenen Komfortzone und führen einem vor Augen, wie gut wir es hier in Deutschland haben. Ich glaube, ich hätte die Einladung auch angenommen – einfach, um einen Einblick in das Leben dort zu bekommen.. aber nur mit männlicher Begleitung:)
Danke für deinen Kommentar, Debbie. Wir sehen uns in 3 Wochen.